Doping in der DDR

Wenn Sport für staatliche Zwecke instrumentalisiert wird, so wird Doping staatlich. Für die politische Führungsriege der Deutschen Demokratischen Republik war jeder sportliche Sieg der DDR-Athleten auch ein Sieg des Sozialismus in der DDR über den Kapitalismus der westeuropäischen Staaten und der USA. Die Sportförderung in der DDR funktionierte gut, was dem Land immerhin in den relativ wenigen Jahren seiner Existenz insgesamt 454 Medaillen bei den Sommer-Olympiaden und 110 Medaillen bei den Winterolympiaden einbrachte. Eine gute Infrastruktur für die Sportförderung allein war aber dann wohl doch nicht die einzige Ursache für den Erfolg.

Ob in der DDR sehr viel mehr Doping betrieben wurde als im Westen, lässt sich nicht genau bestimmen; Fakt ist jedoch, dass die DDR ihr Doping staatlich betrieb, weil ja alles irgendwie staatlich gewesen ist. Es gab Dopingprogramme; teilweise wurden den Sportlern Dopingmittel verabreicht, ohne dass diese davon in Kenntnis gesetzt wurden und sich damit irgendwie wehren konnten. Sportarten, in denen die Vergabe von Dopingmitteln gang und gäbe war, waren beispielsweise der Schwimm- und der Wintersport sowie die Leichtathletik. Junge Turnerinnen, deren Sportkarriere ja meist früh begann, bekamen zum Teil bereits in einem Alter von 13 bis 14 Jahren Dopingmittel verabreicht, in anderen Sportarten dauerte es bis zum 16/17 Lebensjahr, ehe das Doping begann. Giselher Spitzer, Historiker aus Potsdam, hat den DDR-Sport einmal untersucht und stieß dabei auch auf Dokumente, die belegten, dass Ärzte gesundheitliche Probleme bei einer Reihe von Sportlerinnen und Sportlern einkalkulierten. Verantwortlich für das staatlich organisierte Doping in der DDR war der so genannte Sportmedizinische Dienst, dem nach Angaben des TV-Senders 3Sat noch „1988 mehr als 1.948 Personen und 52 Millionen DDR-Mark zur Verfügung“ standen. Ein Kontroll-Labor prüfte vor der Ausreise von Sportlern zu internationalen Wettkämpfen Urinproben der Sportler; nicht, um sie des Dopings zu überführen, sondern um Sportler mit verdächtigen Urinproben zurückzuhalten, damit das Doping nicht während des Wettkampfes auffällt. Häufig in der DDR genutztes Dopingmittel war das Anabolikum Oral-Turinabol, das — wie der Name es vermuten lässt — oral verabreicht wurde. Oral-Turinabol ist ein synthetisch hergestelltes Testosteron (männliches Sexualhormon). Wer es über einen längeren Zeitraum bekommt, nimmt wissentlich oder unwissentlich schwere Leberschädigungen, Muskelkrämpfe und eine erhöhte Aggression in Kauf. Menstruationsprobleme sowie Unfruchtbarkeit können bei Frauen zusätzlich als Probleme auftreten, bei Männern kann Oral-Turinabol beispielsweise zu Potenzstörungen führen, bei Kindern zu Störungen im Wachstum.

Das Doping diente nicht allein der Leistungssteigerung des individuellen Sportlers, gleichzeitig liefen mit den Sportlern quasi Tests, die das Doping perfektionieren sollten, wobei wiederum vor allem Anabolika zum Einsatz kamen. An den gesundheitlichen Folgen leiden einige der DDR-Sportler bis heute. Eine der bekanntesten Ex-DDR-Sportlerinnen, die heute unter den Folgen des Dopings zu leiden hat, ist die ehemalige Kugelstoßerin Birgit Böse. Ihre Geschlechtsorgane verblieben auf dem Stand einer 11-jährigen, sodass sie keine Kinder bekommen kann. Auch die ehemalige Kugelstoßerin Heidi Krieger, die heute nach einer Geschlechtsumwandlung Andreas Krieger heißt, gehört zu den Ex-DDR-Sportlern, deren Leistungen durch Dopingmittel gesteigert wurden. Eine Ursache für das Gefühl, im falschen Körper zu leben, lag für Andreas Krieger im Oral-Turinabol.

Im Jahr 2000 kam es zu einer Gerichtsverhandlung, bei der der ehemalige DDR-Sportchef Manfred Ewald eine Bewährungsstrafe von 22 Monaten bekam. Einer ganzen Reihe von Sportlern aus der Ex-DDR war das entschieden zu wenig. Ewald hatte Kritikern an der Dopingpraxis in der DDR 1985 Feigheit vorgeworfen und den Doping-Einsatz zu anderer Zeit damit verteidigt, dass alles erlaubt sei, solange die Leistung stimme. Auch der Leiter der „Arbeitsgruppe unterstützende Mittel“ in der DDR, Manfred Höppner, war angeklagt und bekam eine Strafe von 18 Monaten auf Bewährung. Genugtuung hat es denjenigen, die bis heute an den Doping-Maßnahmen in der ehemaligen DDR leiden, nicht gebracht.

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